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"It is time to take the sign down."

  • Autorenbild: zepnik
    zepnik
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Gesammelte (LinkedIn-) Beiträge von Georg Tillner (gt) und Robert Zepnik (rz)


rz:


Mark Carney hat beim WEF (World Economic Forum) etwas gesagt, das mich nicht loslässt.


Er beschreibt, wie Länder jahrzehntelang ein Schild ins Fenster hängten – „regelbasierte Weltordnung" – nicht, weil sie daran glaubten, sondern um Ärger zu vermeiden. Václav Havel nannte das: „in der Lüge leben".


Ich sehe dasselbe in der Finanzbranche. Wir hängen das gleiche Schild ins Fenster.


„Nachhaltig investieren." „ESG-konform." „Impact."


Wie viele dieser Schilder hängen dort, weil man wirklich daran glaubt – und wie viele, weil es den Kund:innen gefällt, den Regulatoren genügt, den Vertrieb vereinfacht?


Carney sagt: „It is time to take the sign down."


Ich frage mich: Sind wir bereit dafür?


Georg Tillner, CFA, du arbeitest ebenfalls täglich mit Investor:innen. Wie siehst du das?


gt:


Wer hat das Schild aufgehängt?


Robert Zepnik hat mich mit Carneys WEF-Rede konfrontiert – ja, Carneys Rede war großartig. Und ja, auch das Feld der Nachhaltigkeit hat seine Lüge.


Aber ich würd die Kund:innen außen vor lassen: in meinen Beratungsgesprächen finde ich, dass diese Gruppe realistisch und offen für Dialog ist – also schildlos.


Das Schild haben die „Instis“ aufgehängt, also die Fondsgesellschaften, Ratingagenturen, Regulatoren: der Irrglaube, es gäbe die eine richtige Nachhaltigkeit und die ließe sich in ein paar Kennzahlen eindeutig ausdrücken – und dann kleben wir das Pickerl „Nachhaltig“ drauf und fertig.


Carney spricht von „value-based realism" – prinzipientreu UND pragmatisch sein. Das bedeutet eine ständige Verhandlung. Und du musst beides kennen: deine Prinzipien und die Welt, wie sie ist. Dann kannst du den einzelnen Kompromiss als Schritt auf einem langen Weg erklären.


Ich sehe nicht, dass in der Nachhaltigkeit-Investment-Debatte dieser (lange) Weg klar gemacht wurde – oder?


Mark Carney am World Economic Forum 2026: "It is time to take the sign down."
Mark Carney am World Economic Forum 2026: "It is time to take the sign down."

rz:


Georg Tillner, CFA, du triffst einen wunden Punkt.


Wenn wir die Schilder nicht mehr hinterfragen, fördern wir dann nicht die Lüge?


Pragmatismus ist der Finanzbranche inhärent. Prinzipien waren es bei vielen Anleger:innen auch – zumindest eine Zeit lang.


Doch was ist passiert?


Greenwashing hat enttäuscht. Die „eierlegende Wollmilchsau" – ein Investment, das einfach, nachhaltig in allen Dimensionen und renditereich zugleich ist – existiert nicht. Also haben viele Anleger:innen eine pragmatische Schlussfolgerung gezogen:


"Wenn nachhaltig eh nicht so nachhaltig ist – dann lieber konventionell. Das bringt mehr."


Das stimmt natürlich nicht. Doch Prinzipien brauchen Geduld. 

Und Geduld ist schwer zu verkaufen.


Genau hier liegt unsere eigentliche Aufgabe als Berater:innen: nicht das perfekte Produkt empfehlen, sondern Portfolios bauen – abgestimmt auf Ziele, Risikobereitschaft und eben auch auf die Prinzipien der Anleger:innen – wie auch immer diese aussehen.


Nicht auf die Verkaufsvorgaben der Hausbank.


Georg – ist das der Weg, den du mit „value-based realism" meinst?


gt:


„If we're not at the table, we're on the menu."


Robert Zepnik: genau, prinzipiengeleiteter Realismus heißt, Nachhaltigkeit als Weg, als Weitwanderung zu verstehen. Und die wichtigsten Akteure hierbei sind die Investor:innen – also nicht die institutionellen Vertreter, sondern die wirklichen Endinvestor:innen. Und die sind nicht eingebunden. Die werden konfrontiert mit unleserlichen Textfluten, die sich Complianceabteilungen mit Aufsichtsbehörden-Jurist:innen ausgeheckt haben. Niemand fragt sie, was sie wollen, niemand hört zu, wenn sie was sagen – außer uns paar Berater:innen.


Und wie Carney sagt: if we’re not at the table, we’re on the menu. 


Wer definiert gerade, wie das Kapital von morgen investiert wird?

Große Asset Manager. Große Versicherungen. Große Plattformen.


Wir – die kleinen, unabhängigen Stimmen – sind nicht am Tisch. Wir Berater:innen erklären, was andere entschieden haben.


Carneys Antwort: Koalitionen bauen. Gemeinsam mehr Gewicht. „Variable Geometrie" – unterschiedliche Allianzen für unterschiedliche Themen.


Vielleicht ist das auch unser Weg: Nicht länger nur die Regeln der Großen abnicken, sondern selbstbewusst und für unsere Klient:innen etwas Besseres verlangen: klarere Kommunikation, echte Teilhabe, Forderungen stellen.


Wie Carney sagt: „relying not just on the strength of our values but also the value of our strength“: also das Investitionsvolumen unserer Klient:innen als Stärke verstehen und diese einzusetzen, um den Investor:innen Gehör zu verschaffen.


Robert, wie siehst du die Chancen dafür?


rz:


Georg Tillner, CFA du fragst nach den Chancen? 


Ich sehe sie – wenn wir aufhören, nur zu reden, und anfangen, Dinge zu bauen.


Let's take the sign out of the window!


Zwei Versuche, genau das zu tun:


Mit #togetherforsustainablefinance wende ich mich direkt an Fondsanbieter: ein kompaktes Factsheet, das die wichtigsten Nachhaltigkeitskennzahlen des Fonds auf einen Blick zeigt. Klingt simpel, ist es auch – und genau deshalb wehren sich die meisten. Doch der Fondsmanager des laut CLEANVEST nachhaltigsten deutschen Aktienfonds veröffentlicht diese Zahlen mittlerweile monatlich. Es geht also.


Mit heutemorgen.info gehen wir das Thema Vorsorge an: betriebliche Altersvorsorge, die erstmals auch ETFs und nachhaltige Fonds ermöglicht – statt nur klassischer Lebensversicherung. Freie Wahl der Veranlagung, Flexibilität auch nach Pensionsantritt, transparente Honorarberatung. Und auf Wunsch realer Impact durch die Kooperation mit dem UNESCO-Weltnaturerbe Dürrenstein-Lassingtal. Entwickelt gemeinsam mit dem BAV-Experten Erich R. Hoffmann



Ob invest/bar, ZEPCON oder heutemorgen – die Werkzeuge sind da. Jetzt braucht es Anleger:innen, die sie nutzen.


gt:


Ermächtigt die Investor:innen!


Robert Zepnik: Das sind gute Initiativen – aber nicht nur die Fondsgesellschaften sollten klarer und verständlicher informieren, sondern auch die anderen Institutionen. Aber vor allem sollen sie mit den Investor:innen KOMMUNIZIEREN: also nicht belehrend von oben herab fertiges Wissen verkünden, sondern auf ein gemeinsames Ziel hin wirken.


Das Netzwerk ökofinanz-21 e.V. kann als Modell für diese Art der Kommunikation dienen, weil hier Berater:innen und Fondsanbieter MITEINANDER reden. Und das ist zumindest ein Weg, indirekt mit den Investor:innen ins Gespräch zu kommen.


Hinsichtlich des eigentlichen Ziels, nämlich einer grundlegend nachhaltigen Wirtschaft, ist niemand Experte, sondern wir alle sind Suchende. 


Und die Investor:innen können und sollen eben nicht nur als Produkt-Käufer:innen gesehen werden, sondern als Mitreisende auf diesem Weg. Denn nicht nur Investmentscheidungen sind Arenen der Handlungsfähigkeit, sondern auch all die anderen wirtschaftlichen Entscheidungen, die Menschen treffen. Und diese hängen ja logisch zusammen. Also kann verantwortungsvolle Investmentverwaltung eben auch heißen, politische Verantwortung zu übernehmen.


Das wäre die wichtigste Umsetzung von Carneys Entwurf einer „variablen Geometrie“: „Building coalitions that work, issue by issue, with partners who share enough common ground to act together“


Also die Investor:innen als Partner sehen, mit denen, Thema für Thema, gemeinsam gehandelt werden kann. 



Danke für den Dialog. Wer das Schild runterhängen will, muss nicht allein anfangen. Folgt uns – oder noch besser: mischt euch ein.

 
 
 

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